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Fischerei

Fischerei

Die Jagd nach dem letzten Fisch

In den letzten sechs Jahrzehnten hat der Mensch das Ökosystem Ozean an den Rand des Kollaps gebracht. Das Ammenmärchen vom unerschöpflichen Fischreichtum, der egal wie viel wir dem Meer entnehmen, nie Mangelware würde, ist als ein folgenschwerer Irrtum entlarvt.

 Foto: NOAA Archiv

Über vier Millionen Fischereifahrzeuge sind auf unseren Ozeanen unterwegs und plündern selbst in entlegenen Regionen die letzten Bestände. Auf den Meeren tobt ein wahrer Krieg um die letzten Fische. Viele Nationen schützen ihre Fischgründe bereits mit Kontrollschiffen, Hubschraubern und durch ständige Flugzeugüberwachung. Wissenschaftliche Untersuchungen warnen vor leer gefischten und toten Ozeanen. Für viel Geld wird modernste Computertechnik in die Schiffe eingebaut. Mit Hilfe von Radar- und Sonarüberwachung oder über Satellit werden die Schwärme aufgespürt und mit gigantischen Netzen dem Meer entrissen. Ein Lerneffekt tritt jedoch nicht ein. In unseren Tagen werden die einst reichen Fischbestände vor Westafrika vernichtet. Nicht von den einheimischen Fischern, die wie früher mit kleinen Booten auf Fang gehen, sondern wieder einmal von den riesigen Trawlern aus den Industrienationen. Auch Deutschland hat seinen Schiffen Fangrechte vor der afrikanischen Küste verschafft. Die Einheimischen werden in wenigen Jahren ein Totes Meer vorfinden und die Trawler aus den USA, Europa und Asien werden zur nächsten Küste weiterziehen. Obwohl aller Fischfang nur zu ca. zwölf Prozent der weltweiten Eiweißversorgung beiträgt, scheint niemand bereit zu sein, ernsthaft über eine drastische Reduzierung der Fänge nachzudenken.

 Foto: Sarah Lelong / Marine Photobank

Offiziell werden über 140 Millionen Tonnen Fisch sowie Schalen- und Krustentiere angelandet. Nicht eingerechnet sind dabei die gigantischen Mengen unerwünschten Beifangs, die meist tot zurück ins Meer gekippt werden. Ebenfalls beuten illegal operierende Piratenfischer unbeobachtet die Gewässer aus. Diese stört es nicht, auch geschützte Bestände zu jagen. Das Meer ist groß. Kontrollen Mangelware. Auf See greift das Sprichwort: Wo kein Kläger, da kein Richter. Kein Mensch vermag genau zu sagen, wie groß die Anlandungen der Piratenfischer sind. Somit weiß letztendlich niemand, wie viel Fisch unseren Meeren tatsächlich alljährlich entnommen wird.

 Foto: Georg Heiss / Marine Photobank


Die Welternährungsorganisation (FAO) legte bereits im Jahr 2008 den Vereinten Nationen nach langer Recherche den so genannten SOFIA-Report (State of the World Fisheries and Aquaculture) vor. Dieser Fischerei-Report offenbart schonungslos die katastrophalen Auswirkungen der jahrelangen Überfischung und des Missmanagements auf den Meeren. Es wird aufgezeigt, dass bereits über die Hälfte der globalen Fischbestände derart intensiv ausgebeutet sind, dass keine Steigerung mehr möglich ist. Bereits ein Viertel der weltweiten Bestände sind überfischt und einige Populationen bereits gänzlich kollabiert. Die Kernaussage des umfangreichen Reports ist eindeutig: Wenn wir zukünftigen Generationen keine vollkommen toten Ozeane hinterlassen wollen, muss die Ausbeutung der Meere jetzt beendet werden. Unabhängige Wissenschaftler prognostizieren, dass die Fischerei Mitte dieses Jahrhunderts komplett zusammenbrechen wird, wenn nicht sofort weltweit Gegenmaßnahmen ergriffen werden. Doch dies wird leider durch kurzzeitiges Profitdenken und mangelnde Überwachungsmöglichkeiten verhindert. Der SOFIA-Report stufte den Südostatlantik, den Nordostatlantik, den Südostpazifik und Gebiete im Indischen Ozean als besonders stark vom Fischfang betroffene Regionen ein. Hierbei gelten jene Fischarten als besonders gefährdet, die lange Wanderungen zurücklegen. Dazu zählen u. a. diverse Hai- und Thunfischarten. Aber auch Heilbutt, Scholle, Kabeljau, Seehecht und Rotbarsch sind stark von der Überfischung betroffen.

 Foto: Regmann / PBS


Zwar ist die Politik seit Jahren bemüht, eine Trendwende im Meeresfischereiwesen zu erreichen, bislang allerdings ohne Erfolg. Es wird immer mehr und kostspieligerer Aufwand betrieben, um den alljährlichen Fang zu gewährleisten. Fakt ist, dass die Fischereibranche in vielen Bereichen staatlich subventioniert wird. Ohne diese, vom Steuerzahler aufgebrachten Gelder würde es sich um ein gigantisches Minusgeschäft handeln.

Ausbeutung der Tiefsee
Seit einigen Jahren geht der Trend immer mehr dazu über, dem Verbraucher exotische Fische oder Arten aus der Tiefsee schmackhaft zu machen. Warum? Weil die Arten, die seit Jahrzehnten oder gar Jahrhunderten auf den Tellern landen, abgefischt und somit nur noch begrenzt verfügbar sind. Die Tiefsee ist jedoch ein weithin unerforschtes Terrain. Noch weiß niemand, was geschehen wird, wenn man einige Kettenglieder dieses einzigartigen Ökosystems für immer auslöscht. Die meisten Tiefseespezies erreichen erst sehr spät ein fortpflanzungsfähiges Alter. Wenn in diesem rasanten Tempo mit dem Raubbau weitergemacht wird, besteht keine Hoffnung mehr, dass die Reproduktionsraten ausreichen werden, um das Überleben der von der Fischerei betroffenen Arten gewährleisten zu können.

Ausweg Zuchtfarmen?
In den vergangenen Jahrzehnten hat ebenfalls ein regelrechter Fischzucht-Boom eingesetzt. Farmen, in denen begehrte Fischarten wie beispielsweise Lachs gezüchtet werden, sind wie Pilze aus dem Boden geschossen. Wenn dieser Trend weiterhin anhält, wird in wenigen Jahren jeder zweite Fisch auf den Märkten aus einer Zuchtanstalt kommen. Die Haltungsbedingungen in diesen Farmen sind mit der uns bekannten und strikt abzulehnenden Massentierhaltung von so genannten "Nutz"tieren wie Kühen, Schweinen und Geflügel vergleichbar. Die Ausscheidungen der Tiere belasten das Wasser stark und auch die Zugabe von Medikamenten ist oftmals Standard und führt zu Gewässerverunreinigungen. Auch ist der Stressfaktor, in welchem sich ein jeder Fisch in diesem Gruppengefüge ohne Rückzugs- und Schutzmöglichkeiten befindet, immens. Da viele Zuchtfische zu den Raubfischarten zählen, wird zudem stark eiweißhaltiges Futter benötigt. Um dieses Futter wiederum herzustellen, müssen bislang viele weitere Fische gefangen werden. Dies wird u.a. durch eine sehr schädliche Fischereimethode - der Gammelfischerei - bewerkstelligt. Abgefischt werden besonders im küstennahen Bereich diverse Kleinfischarten. Es gilt die Regel, dass man ca. 3-5 kg wild gefangenen Fisch benötigt, um 1 kg Zuchtfisch erwirtschaften zu können.

 Foto: Regmann / PBS

Unerwünschter Beifang

Hinter dieser Bezeichnung verbergen sich Millionen sinnlos getöteter Meeresbewohner. Darunter zwischen 50.000 und 100.000 Delfine jedes Jahr, sowie unzählige Wale, Robben, Seeschildkröten, Haie und mindestens eine Million Seevögel. Das, was die Fischer in Ihren Netzen finden, ist nur zum Teil das, was diese auch fangen wollen. Alles andere ist „Beifang“ und wird tot oder „noch“ lebend als Müll wieder ins Meer zurückgeworfen. Man geht im allgemeinen von mindestens 20 Millionen Tonnen Meerestieren aus, welche so als Müll enden. Inzwischen ist Fakt, dass der Beifang ein Drittel des angelandeten Fanges erreicht hat. Mit dieser Menge, welche jedes Jahr sinnlos in die Meere geworfen wird, könnte man ganz Deutschland 15 Jahre lang mit Fisch versorgen. Selbst wertvolle Speisefische werden z.T. als unerwünschter Beifang zurück ins Meer gekippt, weil diese zu klein sind oder der Laderaum für profitablere Arten freigehalten werden soll.


 Foto: Regmann / PBS

Die aktuelle Situation in Europa

Die EU-Kommission hat bestätigt, dass 88% der Fischbestände der Staatengemeinschaft überfischt werden. Sie hat deswegen vor, ihre Fischereipolitik zu reformieren. Dieses soll bis 2013 abgeschlossen sein. Die Reformation der Fischereibranche wird nicht einfach. Obwohl Probleme wie Flottenüberkapazitäten oder schwindende Bestände bekannt sind, blockieren Staaten wie Spanien, Portugal oder Frankreich eine Bewältigung eben dieser. Da diese Länder große Flotten besitzen und viele Arbeitsplätze auf dem Spiel stehen, ist man an schärferen Kontrollen oder deutlich reduzierten Fangquoten nicht interessiert.

 Foto: Regmann / PBS

Project Blue Sea fordert in einer Stellungnahme zur Reform der gemeinsamen Fischereipolitik eindringlich und unverzüglich von der EU unter anderem:

- die Einrichtung neuer, großflächiger Schutzzonen
- die Einführung eines Rückwurf-Verbotes
- die Redimensionierung der EU-Fischereiflotten
- die Einstellung schädlicher Fischereimethoden
- drastische Fangquotenreduzierungen, basierend auf wissenschaftlichen Empfehlungen
- die Aufklärung des Endverbrauchers über die tatsächliche Situation
- schärfere Überwachungen auf See
- die Bekämpfung der illegalen Fischerei
- hohe Strafen bei Fangquotenvergehen

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